2. Halbjahr 2010
3500 Metaller sorgen für „französischen Wind“ (27.10.10)
Schweinfurt. Gegen die soziale Schieflage und für einen politischen Kurswechsel für ein gutes Leben protestierten knapp 3500 Beschäftigte der Schweinfurter Metallbetriebe während der Arbeitszeit. Damit stellte die Schweinfurter IG Metall einmal mehr ihre Mobilisierungsfähigkeit unter Beweis und schaffte es mit direkt übermittelten Fotos bis in einen Anhörungssaal im Bundestag. Dort fand zeitgleich eine Anhörung zur Rente mit 67 statt.
  
Zurück zum Schillerplatz, der sich kurz nach 10.00 Uhr zu füllen begann. Zuerst traf der Demozug aus der Luitpoldstraße ein, der aus knapp 2000 Kolleginnen und Kollegen von ZF Sachs Werk Nord, SKF Werk II, Schaeffler- FAG und ZF Trading bestand. Nur wenige Minuten später kam der Zug aus dem Hafen mit etwa 1500 Beschäftigten von SKF Werk III, Bosch- Rexroth Mechantronics, SRAM, Horton Europe und ZF Sachs Werk Süd über die Hahnenhügelbrücke und die Schultesstraße zum Schillerplatz zogen. Dort stand neben der Bühne auch schon ein Bratwurststand bereit, der umgehend Beachtung fand.
 
Kurzweilige Kundgebung
 
Um 10.20 Uhr eröffnete der 2. Bevollmächtigte der IG Metall Schweinfurt, Jens Öser die Kundgebung und begrüßte neben den 3500 Teilnehmern auch eine stattliche Anzahl von Medienvertretern. Er übergab das Wort zunächst an die Jugend. Eva Wohlfahrt und Martin Plannerer, die Sprecher der örtlichen IGM- Jugend, sprachen im Duett zu den Jugendforderungen nach Ausbildungsplätzen, Zukunftsperspektiven und Übernahme. Die Menge quittierte den routinierten Auftritt des Metallnachwuchses mit kräftigem Applaus. Der wirkte für Peter Kippes eher ermunternd als lähmend. Der Schweinfurter IGM- Chef richtete im Anschluss an die Jugend das Wort an die Demonstranten. Peter Kippes verdeutlichte die betrieblichen Probleme der großen Firmen, die zum einen durch die Krise entstanden und zum anderen hausgemacht seien. Dabei ließ Kippes kein gutes Haar an den Plänen von Bosch- Rexroth Mechatronics. Dort soll die Geschäftsführung an den Plänen zum Abbau von 550 Arbeitsplätzen in Schweinfurt und Volkach festhalten. Gleichzeitig sei die Einstellungszahl der Auszubildenden in diesem Jahr halbiert worden. „Da kann man gar nicht so schnell kotzen, wie einem schlecht wird“, sagte der 1 Bevollmächtigte. Kippes kritisierte ebenso die ZF Konzernpolitik wie die Leiharbeit bei Siemens in Bad Neustadt. Unter großen Applaus forderte er alle Betriebe auf, die vereinbarte Lohnerhöhung um zwei Monate vorzuziehen, so wie es der Tarifvertrag ermögliche.
Hauptredner und IG Metall Bezirksleiter Jürgen Wechsler nahm die Bundespolitik gehörig aufs Korn. Er geißelte die Rente mit 67, die Kopfpauschale, die Steuerpolitik und das Sparpaket der Bundesregierung, das nichts anderes sei, als die Umverteilung von unten nach oben. An klaren Positionierungen ließ es Wechsler nicht fehlen. Insbesondere der Leiharbeit erteilte er eine klare Absage. „Leiharbeit ist Menschenhandel und der gehört verboten“, sagte der oberste Metaller Bayerns. Dabei forderte er mindestens den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit für alle Leiharbeitnehmerinnen.
 
Französische Verhältnisse
 
Den Abschluss im Reigen der Redner machte DGB Regionsvorsitzender Frank Firsching. Er kritisierte eine Politik, die für die Minderheit aus Arbeitgebern, Vermögenden und Spekulanten und gegen die Mehrheit der Arbeitnehmerinnen, Rentner, Jugend und den Arbeitslosen gemacht werde. Ursächlich dafür seien die ständig wiederholten Arbeitgeberforderungen nach Steuerentlastungen, der Senkung von Lohnnebenkosten und den Abbau von Arbeitnehmerrechten. „Das Zeil der Arbeitgeber ist es von der Finanzierung unseres Gemeinwesens entbunden zu werden, ebenso wie von der Finanzierung unserer Sozialkassen. Sie propagieren dies ständig. Dabei ist es ihnen egal wer regiert!“, meinte der DGB Regionschef.
An die eigene Adresse gerichtet forderte Firsching von den Gewerkschaften ihre eigene Strategie zu überdenken und von den Arbeitgebern zu lernen. „Wir müssen unsere drei Botschaften Gute Arbeit, soziale Sicherheit solidarisch finanziert und demokratische Teilhabe konsequent propagieren, ohne auf parteipolitische Empfindlichkeiten Rücksicht zu nehmen.“ Dabei könnten wir von Frankreich viel lernen, obwohl heute in Schweinfurt schon ein „französischer Wind“ wehe. Allerdings sei man von französischen Verhältnissen noch weit entfernt und müsse einen eigenen Weg des Widerstandes und der Auseinandersetzung entwickeln. Unabdingbar sei dabei Politik wieder zum Gegenstand der Diskussion zu machen.
Firsching warb eindringlich für die Teilnahme an der Großkundgebung am 13. November in Nürnberg und machte deutlich, dass dies nicht der Schlusspunkt der Auseinandersetzung sei, sondern ein Höhepunkt!
 

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